Der Jägerwirt und der Wilde Kaiser

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Der Jägerwirt und der Wilde Kaiser

Zwei junge Tiroler leben ihre Glücksformel. Für sich selbst und für ihre Gäste im Jägerwirt Scheffau. So heißt das gayfriendly Hotel, das sie als schwules Paar betreiben – nicht nur zur Freude der LGBT Community.

Dieses Haus wird vielen bekannt vorkommen: Dieser mit Lärchenholz vertäfelte Gasthof auf einem Sonnen-Plateau vor dem Wilden Kaiser. Wer gerne TV-Krimis schaut, hat das Gebäude sicher schon mal gesehen.

Der Jägerwirt in Scheffau – äußerlich unterscheidet er sich nicht groß von anderen Hotels in Österreich. Geweihe an der Fassade erzählen von den Zeiten, als die damalige Jausenstation ein Treffpunkt der Jäger war. Ein Zwölfender findet sich auch heute wieder im modernen Logo des Jägerwirts.

„Wir knüpfen bewusst an die Tradition dieses Hauses an“, sagt Martin Schipflinger (36). Der gelernte Werber ist im nahen Kitzbühel aufgewachsen, sein Partner Andreas Salvenmoser (35) stammt direkt aus Scheffau am Wilden Kaiser. „Für uns war immer klar, dass wir unserer Heimat treu bleiben und einen typisch Tiroler Gasthof betreiben.“ Seit sechs Jahren führen sie nun den Jägerwirt.

Selbstverständlich gayfriendly

Auch in der Gaststube dominieren Hirschgeweihe. In den Fluren erzählen Schwarz-weiß-Fotos vom Leben der Bergbauern in Tirol. „Warum soll ich hier halbnackte Männer reinhängen?“, sagt Martin und lacht über das Klischee. „Wir wollten unsere Kundschaft nie auf eine gewisse Klientel einengen“, erklärt der 36-Jährige. Selbstverständlich gayfriendly, aber kein schwules Hotel.

An diesem Nachmittag sitzen drei Bergsteiger in Outdoor-Klamotten in der Gaststube. Die Damen am Fenster sprechen Tirolerisch. Später kommen drei augenscheinlich schwule Touristen hinzu sowie eine Familie mit Landshuter Kennzeichen am Mercedes.

Tina Tuner war zu Gast

In einer Ecke hängen Fotos prominenter Gäste wie TV-Koch Horst Lichter und Bergdoktor Hans Sigl. Auch Tina Turner war schon im Jägerwirt. „Aber wir machen keine Unterschiede“, betont Martin. „Bei uns wird jeder Gast geduzt.“ Als Uli Hoeneß ihn mal auf Fußball ansprach, klopfte Martin dem Präsidenten des FC Bayern München auf die Schulter und meinte: „Damit kenn i mi gar nit aus. Aber schön, dass’ da seid’s!“

Während sich Martin um Marketing, Service und die Zimmer-Vermietungen kümmert, ist Andi der Küchenchef. Er hat im Fünf-Sterne-Hotel Kaiserhof in Ellmau gelernt. Zudem ist er Sommelier und stellt die rein österreichische Weinkarte zusammen, die auf eine 15-Liter-Flasche gedruckt ist. Ein schönes Detail, wie so vieles im Jägerwirt.

Eingetragene Partnerschaft

Über einen Internet-Chat haben sich Andi und Martin im Jahr 2000 kennengelernt. „Wir waren beide überrascht, dass es quasi im Nachbarort einen so feschen jungen Schwulen gab,“ erzählt Martin lachend. 2015 besiegelten sie ihre Liebe mit einer eingetragenen Partnerschaft. Statt Ring am Finger tragen beide ein Tattoo auf dem Oberarm „Tutto solo perche ti amo.“ Alles nur, weil ich dich liebe. „Dieses Lied der Toten Hosen begleitet uns irgendwie schon immer“, erklärt Andi. Und auf Italienisch, weil das ihre Lieblingssprache ist, Martins Großmutter kommt aus Südtirol.

Bei ihrer Vermählungsfeier dachten sich Martin und Andi: „Jetzt werden wir mal allen Schwulen-Klischees gerecht.“ Mit rosa Stretch-Limousine und Schlager-Livemusik von Ireen Sheer. Alle Gäste waren eingeladen, Tracht mit rosa Accessoires zu tragen. 140 Menschen kamen zur „Pink Party“ auf die berühmte Rübezahl-Alm. Der Bürgermeister von Ellmau sprach hinterher von der „Feier des Jahres“.

Andi und Martin sagen, sie hätten nie Ablehnung erfahren als schwules Paar. Nicht von den Nachbarn, der Gemeinde und schon gar nicht von ihren Eltern. Andis Mutter Resi schrieb ins Gästebuch der Pink Party: „Mia homb an insre Buam a richtige Freid. Se lemb bedingungslos ea eigenes Lebn. Fi uns Eltern kus eigentlich nix Scheanas net gem.“

Drehort von "Soko Kitzbühel"

Zu den Gästen gehörte vor vier Jahren erstmals auch die damalige Produzentin der TV-Serie Soko Kitzbühel. „Das ist die ideale Location!“, rief sie freudig. Seither ist der Jägerwirt Hauptdrehort für die Krimiserie des ORF und ZDF. Die Dreharbeiten finden montags und dienstags statt. Dann sind Ruhetage im Jägerwirt, und Andi und Martin ziehen sich gerne für eine Nacht nach Salzburg oder Innsbruck zurück – „den Kopf frei kriegen und neue Ideen spinnen“, wie Andi sagt.

Zu seiner Philosophie als Küchenchef gehören vor allem traditionelle Gerichte. „Wir kochen halt, wie wir hier in Tirol kochen.“ Und das mit besten Zutaten, die großteils aus der Region stammen: Wild von heimischen Jägern, Lammfleisch aus der Zucht seiner Patentante, Tilsiter von der Bio-Sennerei Danzl. Letzterer gibt Andis legendärem Kalbs-Cordon-bleu die deftige Note. „Eine Fritteuse gibt’s bei mir genauso wenig wie Geschmacksverstärker“, betont der Koch. Viele Produkte macht er selbst. Auch das Roggen-Dinkel-Brot. Immer sonntags schiebt Andi einen Schweinsbraten (natürlich Bio) ins Rohr.

Zeit für die Gäste

Abends ist der Jägerwirt zu 99 Prozent ausreserviert. Die bislang vier Gästezimmer – großteils mit Zirbenholz renoviert – sind auch meist belegt. Bis auf drei Wochen Urlaub sind Andi und Martin rund ums Jahr für ihre Gäste da. Ist es dieser Fleiß? Oder vielleicht auch eine spezielle Handschrift, weshalb so viele Menschen zu ihnen kommen?

„Wir versuchen halt immer, uns in die Gäste hineinzuversetzen: Welchen Wunsch könnten wir ihnen jetzt gerade erfüllen? Und wir nehmen uns Zeit, reden mit den Leuten, erklären ihnen die Tageskarte.“ Empathie nennt Martin diese Tugend. „Die ist aber für mich nichts typisch Schwules“, sagt er. „Empathie ist für mich ganz einfach ein Gebot guter Gastlichkeit.“

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